Kapitel 15
Das erste Rundschreiben
✦ ✦ ✦
1 Und es kamen etliche herab von Judäa und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht beschneiden lasset nach der Weise Mose, so könnt ihr nicht selig werden. Es war der erste Satz in der Geschichte der Kirche, der eine Bedingung an die Rettung heftete, und er sollte, in wechselnder Verkleidung, nicht der letzte bleiben.
2 Da erhob sich ein nicht geringer Zank zwischen ihnen und Paulus und Barnabas, und man beschloss, hinaufzuziehen gen Jerusalem, zu den Aposteln und Ältesten, dieser Frage wegen. Man beachte das Wort: Frage. Nicht Offenbarung, nicht Donner vom Berg - eine Frage, wie man sie später in Sitzungen stellt, mit Tagesordnungspunkt und Redezeit.
3 Und sie zogen durch Phönizien und Samaria und erzählten die Bekehrung der Heiden und machten allen Brüdern große Freude. In Jerusalem wurden sie von der Gemeinde, den Aposteln und den Ältesten empfangen, und sie verkündigten, wie viel Gott mit ihnen getan hatte.
4 Da traten aber etliche auf aus der Pharisäer Sekte, die gläubig geworden waren, und sprachen: Man muss sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz Mose zu halten. Sie waren nicht die Bösewichte dieser Geschichte. Sie waren nur die Ersten, die verlangten, dass ein neues Angebot sämtliche alten Bedingungen erfüllt - damit niemand am Ende sagen könne, es sei zu leicht gewesen, gerettet zu werden.
5 Und die Apostel und die Ältesten kamen zusammen, über diese Sache zu beraten, und man disputierte lange, ehe Petrus aufstand und sprach: Gott, der die Herzen kennt, hat zwischen uns und ihnen keinen Unterschied gemacht und hat ihre Herzen gereinigt durch den Glauben. Warum versucht ihr denn nun Gott, dass ihr ein Joch auf der Jünger Hals leget, welches weder unsre Väter noch wir haben tragen können?
6 Es entstand eine Stille, in der man förmlich hörte, wie eine Institution beschloss, sich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen wie ihre eigene Vorschrift. Das kommt selten vor und nie zweimal auf dieselbe Art.
7 Da schwieg die ganze Menge, und sie hörten Paulus und Barnabas zu, die erzählten, wie viele Zeichen und Wunder Gott durch sie getan hatte unter den Heiden. Zwei ruhige, nacherzählende Verse hätten hier gutgetan, aber die Versammlung war zu aufgeregt, um sich an den Rhythmus zu halten.
8 Danach stand Jakobus auf und sprach: Simon hat erzählt, wie Gott zuerst heimgesucht hat, aus den Heiden ein Volk anzunehmen für seinen Namen, und damit stimmen die Worte der Propheten überein. Darum urteile ich, dass man denen aus den Heiden, die sich zu Gott bekehren, nicht Unruhe mache.
9 Sondern man schreibe ihnen, dass sie sich enthalten von der Verunreinigung der Götzen, von Unzucht, vom Erstickten und vom Blut. Vier Punkte, keine zweihundertvierzig Seiten. Es war das kürzeste Regelwerk, das diese Institution je erlassen hat, und sie hat sich in den folgenden Jahrtausenden alle Mühe gegeben, das wiedergutzumachen.
10 Da deuchte es die Apostel und die Ältesten mit der ganzen Gemeinde gut, Männer aus ihrer Mitte zu erwählen und mit Schrift zu senden gen Antiochien: Judas, genannt Barsabas, und Silas, welche unter den Brüdern angesehene Männer waren.
11 Und sie schrieben durch sie: Die Apostel und Ältesten und Brüder wünschen Heil den Brüdern aus den Heiden. Dieweil wir gehört haben, dass etliche von uns ausgegangen sind und euch mit Reden irregemacht haben, ohne unsern Befehl - so haben wir uns versammelt und beschlossen, Männer zu senden mit unsern Liebsten, Barnabas und Paulus, welche ihre Seele dargegeben haben für den Namen unsres Herrn Jesu Christi.
12 Es steht kein Datum auf diesem Schreiben und kein Aktenzeichen, und trotzdem ist es das erste Dokument der Kirchengeschichte, das eine Streitfrage nicht durch Vision, sondern durch Abstimmung, Kompromiss und Unterschrift löste. Wer wissen will, wann aus einer Bewegung eine Behörde wird, findet hier das Datum, auch wenn keines dabeisteht.
13 Und sie zogen hinab gen Antiochien und versammelten die Menge und überantworteten den Brief. Da sie ihn lasen, wurden sie des Trostes froh. Judas aber und Silas, die auch Propheten waren, ermahnten die Brüder mit vielen Reden und stärkten sie.
14 Und Paulus und Barnabas hatten ihr Wesen zu Antiochien, lehrten und predigten des Herrn Wort samt vielen andern.
15 Nach etlichen Tagen aber sprach Paulus zu Barnabas: Lass uns wiederum ziehen und nach unsern Brüdern sehen. Barnabas aber wollte Johannes, genannt Markus, mitnehmen. Paulus achtete es billig, den nicht mitzunehmen, der von ihnen gewichen war in Pamphylien und nicht mit ihnen gezogen war zum Werk.
16 Und es erhob sich eine Erbitterung zwischen ihnen, so hart, dass sie sich voneinander trennten - die beiden Männer, die eben noch gemeinsam eine Kirche vor der Spaltung bewahrt hatten, konnten sich über einen dritten Mann nicht einig werden.
17 Barnabas nahm Markus zu sich und schiffte nach Zypern. Paulus aber wählte Silas und zog aus, von den Brüdern Gottes Gnade befohlen, und durchzog Syrien und Zilizien und stärkte die Gemeinden.
18 So endet das Kapitel, in dem die junge Kirche lernte, sich mit einem einzigen Brief über die halbe Welt zu einigen - und im selben Atemzug bewies, dass sich zwei Freunde über die Frage, wer im Reisebüro mitfährt, nicht einigen können. Die Bürokratie und der Mensch sind eben zwei verschiedene Baustellen.