Die Fake-Bibel

2. Mose (Exodus)

Kapitel 1
Das institutionelle Vergessen

✦ ✦ ✦

1 Dies sind die Namen der Kinder Israel, die mit Jakob nach Ägypten kamen: Ruben, Simeon, Levi, Juda und ihre Brüder, siebzig Seelen. Josef aber war schon vorher dort und hatte es weit gebracht.

2 Und Josef starb und alle seine Brüder und alles, was zu der Zeit gelebt hatte. Mit ihnen starb auch das Wissen darüber, wem dieses Land seine vollen Kornkammern verdankte.

3 Aber die Kinder Israel wuchsen und mehrten sich und wurden über die Maßen stark, dass das Land voll von ihnen ward.

4 Da kam ein neuer König auf über Ägypten, der wusste nichts von Josef. Nicht dass er es vergessen hätte: Es war nirgends mehr verzeichnet. Ein Gemeinwesen erinnert sich nur an das, was in seinen Unterlagen steht, und wem es nichts schuldig ist, dem darf es alles zumuten.

5 Und er sprach zu seinem Volk: Siehe, des Volks der Kinder Israel ist viel und mehr als wir. Wohlan, wir wollen sie mit List unterdrücken, dass sie nicht zu viel werden. Man beachte das Wort List. Geplant war keine Feindschaft, sondern eine Regelung.

6 Und man setzte Fronvögte über sie, die sie mit schwerer Arbeit drücken sollten, und sie bauten dem Pharao die Vorratsstädte Pitom und Ramses. Es hatte keinen Krieg gegeben. Niemand hatte dieses Volk besiegt; es war freiwillig gekommen und blieb unfreiwillig.

7 Aus Gästen wurden Fremde, aus Fremden Arbeitskräfte, aus Arbeitskräften Eigentum. Für keinen dieser Schritte nennt der Text einen Tag, an dem er beschlossen wurde. So etwas beschließt man nicht. Man lässt es einrasten.

8 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, hatte es ganz am Anfang geheißen. Hier machte man ein Gewerbe daraus: Der Schweiß blieb bei den einen, das Brot ging an die anderen.

9 Aber je mehr sie das Volk drückten, desto mehr mehrte es sich und breitete sich aus. Und die Ägypter fürchteten sich vor den Kindern Israel. Wer jemanden zwingt, fürchtet ihn von da an; das ist der Preis, und er wird immer bezahlt.

10 Und sie machten ihnen ihr Leben sauer mit schwerer Arbeit in Ton und Ziegeln und mit allerlei Frönen auf dem Felde und mit allerlei Arbeit, die sie ihnen auflegten ohne Barmherzigkeit.

11 Und der König von Ägypten sprach zu den hebräischen Hebammen, deren eine hieß Schifra und die andere Pua: Wenn ihr den hebräischen Weibern helft und seht, dass es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist es aber eine Tochter, so lasst sie leben.

12 Die Schrift nennt die Namen dieser beiden Frauen. Den Namen des Königs, der den Befehl gab, nennt sie nicht. Man beachte, wen sie für merkenswert hielt.

13 Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Kinder leben. Sie hielten keine Rede, sie gründeten nichts, sie riefen niemanden auf. Sie taten es einfach nicht, und das ist die schwerste aller Formen.

14 Und als der König sie rufen ließ und fragte, warum sie das täten, sprachen sie: Die hebräischen Weiber sind nicht wie die ägyptischen; sie sind kräftig und haben geboren, ehe die Hebamme zu ihnen kommt. Es war gelogen, ruhig und gut gebaut, und es ist die erste Lüge der Schrift, die niemand zu entschuldigen braucht.

15 Und Gott tat den Hebammen Gutes, und er machte ihnen Häuser. Von allen Belohnungen dieses Buches ist es die stillste, und sie erging an zwei Frauen, die eine Anweisung nicht ausgeführt hatten.

16 Da gebot Pharao seinem ganzen Volk und sprach: Alle Söhne, die geboren werden, werft in den Nil, und alle Töchter lasst leben. Der Befehl richtete sich nun an jedermann und damit an niemanden mehr im Besonderen. Er brauchte keine Fachleute, keine Zustimmung und keinen, der ihn verantwortete; er lief von selbst weiter. Wer viele zu Mittätern macht, muss später keine Schuldigen suchen.