Kapitel 34
Die zweite Ausgabe
✦ ✦ ✦
1 Und der HERR sprach zu Mose: Haue dir zwei steinerne Tafeln, wie die ersten waren, dass ich die Worte darauf schreibe, die auf den ersten Tafeln waren, welche du zerbrochen hast.
2 Beim ersten Mal war der Stein mitgeliefert worden. Die zweite Ausgabe muss der Mensch selbst herbeischaffen, aus eigenem Fels, mit eigener Hand, den ganzen Berg hinauf. Die Schrift bleibt dieselbe; der Aufwand verlagert sich nach unten. So ist das seither bei jeder zweiten Chance.
3 Und sei morgen bereit, dass du früh auf den Berg Sinai steigest und dort oben vor mich tretest. Und lass niemand mit dir hinaufsteigen, auch soll kein Vieh weiden gegen diesen Berg hin.
4 Und der HERR kam hernieder in einer Wolke und trat dort zu ihm und rief den Namen des HERRN aus.
5 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Gnade bewahrt in tausend Glieder und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde.
6 Und vor dem er niemanden ungestraft lässt, sondern heimsucht die Missetat der Väter an den Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied. Es ist die einzige Selbstbeschreibung Gottes im ganzen Gesetz, und sie hat zwei Hälften. Woran eine Gemeinschaft ihre Kinder erzieht, erkennt man daran, welche der beiden sie auswendig kann.
7 Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an und sprach: Habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe der HERR mit uns; denn es ist ein halsstarriges Volk. Er warb für sie mit dem Argument, das gegen sie sprach.
8 Und er sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen. Ich will Wunder tun, wie sie nicht geschaffen sind in allen Landen und unter allen Völkern.
9 Ihre Altäre sollt ihr umstürzen und ihre Steinmale zerbrechen und ihre heiligen Pfähle umhauen; denn du sollst keinen andern Gott anbeten, denn der HERR heißt ein Eiferer. Man beachte, dass die Eifersucht hier kein Vorwurf ist, sondern ein Name, den er selbst führt. Es ist die einzige Macht der Geschichte, die offen zugegeben hat, dass sie nicht geteilt werden will. Alle späteren haben dasselbe verlangt und es Loyalität genannt.
10 Du sollst dir keine gegossenen Götter machen. Es stand schon dort, es stand deutlich dort, und es stand jetzt zum zweiten Mal dort, weil man beim ersten Mal noch beim Lesen fertig geworden war und schon gegossen hatte.
11 Das Fest der ungesäuerten Brote sollst du halten, und alles, was zuerst den Mutterschoß bricht, ist mein. Die Erstgeburt deines Esels sollst du lösen; die Erstgeburt deiner Söhne sollst du lösen. Und niemand erscheine vor mir mit leeren Händen.
12 Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebenten sollst du feiern, auch in der Zeit des Pflügens und des Erntens. Das ist der einzige Satz des ganzen Gesetzes, der Geld kostet, und darum der erste, für den man Ausnahmen gefunden hat.
13 Dreimal im Jahr soll alles, was männlich ist, erscheinen vor dem HERRN; und niemand wird nach deinem Lande trachten, wenn du hinaufziehst. Es ist eine erstaunliche Zusicherung: dass ein Land unbewacht sicher sei, solange seine Männer beten. Sie wurde später nie mehr zitiert, und Grenzen wurden trotzdem gebaut.
14 Und du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter. Der kleinste Satz dieses Kapitels und der einzige, der niemandem nützt und niemandem schadet; er verlangt nur, dass man beim Töten nicht auch noch geschmacklos wird.
15 Und der HERR sprach zu Mose: Schreibe diese Worte auf; denn nach diesen Worten habe ich mit dir und mit Israel einen Bund geschlossen.
16 Und er war dort bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Unten war es diesmal ruhig geblieben. Man hatte gelernt, dass Warten billiger ist als Gold.
17 Und als Mose vom Berge Sinai herabstieg und die zwei Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand hatte, wusste er nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte.
18 Er wusste es nicht. Das ist der ganze Unterschied zwischen dem Glanz, den einer hat, und dem, den einer betreibt. Wer merkt, dass er leuchtet, leuchtet bereits nicht mehr.
19 Und als Aaron und alle Kinder Israel sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, zu ihm zu nahen. Da rief er sie zu sich, und sie kamen.
20 Und als er alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. Und wenn er hineinging vor den HERRN, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging.
21 So endete es damit, dass der, der zurückkam, sich verhüllen musste, damit die anderen ihn ertrugen. Alles, was man von dort mitbringt, muss gedämpft werden, bevor man es weitergibt. Und irgendwann weiß niemand mehr, ob unter der Decke noch etwas leuchtet oder ob dort nur noch die Decke ist.