Kapitel 31
Der ungeregelte Austritt
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1 Und Jakob kam vor die Ohren der Söhne Labans, dass sie sprachen: Jakob hat alles Gut unseres Vaters an sich gebracht. Der Mann hatte zwanzig Jahre gearbeitet; als das Ergebnis sichtbar wurde, hieß es Diebstahl.
2 Und Jakob sah das Angesicht Labans an, und siehe, es war nicht gegen ihn wie gestern und ehegestern. Es war kein Wort gefallen. In solchen Häusern fällt nie ein Wort; das Gesicht genügt.
3 Und der HERR sprach zu Jakob: Zieh wieder in deiner Väter Land und zu deiner Freundschaft; ich will mit dir sein.
4 Da sandte Jakob hin und ließ Rahel und Lea rufen aufs Feld zu seiner Herde und redete mit ihnen draußen, wo keine Wand mithört. Wichtige Gespräche über einen Dienstherrn finden bis heute außerhalb seines Hauses statt.
5 Und sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass ich eurem Vater mit ganzer Kraft gedient habe, und er hat mich betrogen und meinen Lohn zehnmal verändert. Zehnmal, und jedes Mal genau dann, wenn er zu meinen Gunsten auszufallen drohte.
6 Da antworteten Rahel und Lea: Wir haben doch kein Teil noch Erbe mehr in unseres Vaters Hause. Er hat uns geachtet, als wären wir fremd, denn er hat uns verkauft und unser Geld verzehrt.
7 Zum ersten und einzigen Mal sprechen die beiden Schwestern gemeinsam, und was sie sagen, ist der klarste Satz des Kapitels: Sie waren die Ware, und die Zahlung ist beim Vater geblieben. Danach schweigen sie wieder.
8 Da machte sich Jakob auf und lud seine Kinder und Weiber auf Kamele und führte weg all sein Vieh und alle seine Habe, die er in Mesopotamien erworben hatte.
9 Laban aber war gegangen, seine Herde zu scheren. Man bricht nicht auf, wenn es an der Zeit ist, sondern wenn der andere beschäftigt ist.
10 Und Rahel stahl ihres Vaters Hausgötter. Kleine Figuren, tragbar, Schutzmacht und Eigentumsnachweis in einem: Der Mensch hatte begonnen, sich Götter zu bauen, die in eine Satteltasche passen, und war sehr zufrieden mit sich.
11 Am dritten Tage ward Laban angesagt, dass Jakob geflohen wäre. Und er nahm seine Brüder zu sich und jagte ihm nach sieben Tagereisen und ereilte ihn auf dem Berge Gilead.
12 Aber Gott kam zu Laban im Traum des Nachts und sprach: Hüte dich, dass du mit Jakob nicht anders als freundlich redest. Es ist bemerkenswert, wie schnell ein Mann seine Absichten mäßigt, sobald ihm eine höhere Stelle zuhört.
13 Und Laban sprach zu Jakob: Was hast du getan, dass du meine Töchter weggeführt hast wie Kriegsgefangene? Ich hätte dich gern geleitet mit Freuden, mit Pauken und Harfen. Der Mann, der sie verkauft hatte, beklagte nun die Form des Abschieds.
14 Warum hast du meine Götter gestohlen? Jakob antwortete: Bei welchem du deine Götter findest, der sterbe. Denn er wusste nicht, dass Rahel sie genommen hatte. Ein hartes Urteil spricht sich leicht, solange man den Angeklagten nicht vor Augen hat.
15 Und Laban durchsuchte die Zelte und fand nichts. Rahel aber hatte die Götter in den Sattel des Kamels gelegt und sich daraufgesetzt und sprach zu ihrem Vater: Es geht mir nach der Frauen Weise, darum kann ich nicht aufstehen.
16 Und er suchte und fand sie nicht. Vor dem Körper seiner Tochter machte seine Frömmigkeit halt, und darunter lagen seine Götter.
17 Da ergrimmte Jakob und sprach: Zwanzig Jahre bin ich bei dir gewesen. Des Tages verschmachtete ich vor Hitze und des Nachts vor Frost, und der Schlaf floh von meinen Augen. Was die Tiere zerrissen, habe ich dir nicht gebracht, ich musste es bezahlen.
18 Zwanzig Jahre, aufgezählt von einem, der schon gepackt hat. So genau rechnet niemand, solange er noch zu bleiben gedenkt.
19 Da nahmen sie Steine und machten einen Haufen und aßen darauf, und Laban sprach: Der HERR sehe darein zwischen mir und dir, wenn wir voneinander kommen.
20 Dieser Satz steht heute auf Postkarten und in Ringen und wird zum Abschied gesprochen wie ein Segen. Im Text ist er die Klausel zweier Männer, die einander nicht über den Weg trauen: Gott möge zusehen, weil wir es voneinander nicht mehr können. Aus einer gegenseitigen Bewachung ist ein Trauspruch geworden.
21 Und Laban küsste seine Kinder und segnete sie und zog hin an seinen Ort, und Jakob zog seines Weges. Zwei Männer hatten Frieden geschlossen, in dem die Grenze wichtiger war als die Versöhnung. Auch dazu wurden die Töchter nicht gefragt.