Die Fake-Bibel

1. Mose (Genesis)

Kapitel 41
Die Prognose

✦ ✦ ✦

1 Und nach zwei Jahren hatte Pharao einen Traum: Er stand am Nil, und aus dem Wasser stiegen sieben schöne, fette Kühe und weideten im Grase.

2 Und nach ihnen stiegen sieben andere Kühe herauf, hässlich und mager, und stellten sich neben die Kühe an das Ufer; und die hässlichen fraßen die schönen und fetten. Da erwachte Pharao.

3 Und er schlief wieder ein, und ihm träumte zum andern Mal: Sieben Ähren wuchsen an einem Halm, voll und dick; danach sieben dünne, vom Ostwind versengte, und die dünnen verschlangen die vollen. Und Pharao erwachte und merkte, dass es ein Traum war.

4 Und am Morgen war sein Geist bekümmert, und er sandte aus und ließ rufen alle Wahrsager und Weisen Ägyptens und erzählte ihnen seine Träume; aber da war keiner, der sie ihm deuten konnte. Man hielt sich ein ganzes Haus voll Weiser, und als man sie zum ersten Mal wirklich brauchte, schwiegen sie geschlossen.

5 Da redete der oberste Schenke zu Pharao und sprach: Ich gedenke heute an meine Sünden. Es ging ihm nicht um Josef. Es ging ihm darum, dass er als Einziger im Raum etwas anzubieten hatte.

6 Und er erzählte von dem hebräischen Jüngling im Gefängnis, der ihm und dem Bäcker gedeutet hatte, und wie es beiden ergangen war, wie er gedeutet hatte. Zwei Jahre lang war ihm das nicht eingefallen. Nun fiel es ihm in dem Augenblick ein, in dem es ihm nützte, und so fällt den meisten Menschen das meiste ein.

7 Da sandte Pharao hin und ließ Josef rufen, und sie ließen ihn eilend aus dem Loch. Und er ließ sich scheren und zog andere Kleider an und kam hinein zu Pharao. Man holte ihn aus dem Kerker, aber erst nach dem Bad; auch die Rettung hat eine Kleiderordnung.

8 Und Pharao sprach zu ihm: Mir hat ein Traum geträumt, und niemand kann ihn deuten; ich habe aber gehört von dir, dass du Träume deuten könnest. Josef antwortete: Das steht nicht bei mir; Gott wird doch Pharao Gutes weissagen. Er sagte damit zweierlei: dass er den Ruhm nicht wolle, und dass er, falls es schiefginge, nicht zuständig sei.

9 Und Pharao erzählte ihm die Kühe und die Ähren und sprach: Ich habe es meinen Weisen gesagt, aber niemand kann es mir deuten.

10 Josef antwortete: Beide Träume Pharaos sind einerlei. Die sieben schönen Kühe und die sieben vollen Ähren sind sieben reiche Jahre; die sieben mageren Kühe und die sieben dünnen Ähren sind sieben Jahre teure Zeit, und der Hunger wird das Land verzehren, dass man von der Fülle nichts mehr merken wird.

11 Dass es Pharao zum andern Mal geträumt hat, bedeutet, dass es fest beschlossen ist und dass Gott es eilends tun wird. So wurde aus einem Bild eine Zahl, aus der Zahl ein Zeitraum und aus dem Zeitraum ein Plan. Wer die Muster liest, bekommt zuletzt die Schlüssel zu dem, was sie beschreiben.

12 Nun sehe Pharao nach einem verständigen und weisen Mann, den er über Ägyptenland setze, und bestelle Amtleute im Lande und nehme den Fünften in den sieben reichen Jahren und sammle alles Getreide unter Pharaos Gewalt in die Städte.

13 Bis hierher war er Deuter gewesen. Mit diesem Satz war er Berater, und der Berater hatte soeben eine Stelle beschrieben, die es noch nicht gab.

14 Die Rede gefiel Pharao wohl und allen seinen Knechten, und Pharao sprach: Wie könnten wir einen solchen Mann finden, in dem der Geist Gottes ist? Man suchte keinen Gerechten und keinen Erfahrenen. Man suchte den, der es vorher gewusst hatte, und der stand bereits im Raum.

15 Und Pharao tat seinen Ring von der Hand und gab ihn Josef und zog ihm weiße Seide an und legte eine goldene Kette an seinen Hals und ließ ihn auf seinem zweiten Wagen fahren, und man rief vor ihm her: Der ist des Landes Vater. Der Weg von der Grube auf den zweiten Wagen des Reiches führte weder über Herkunft noch über Dienstjahre, sondern über eine einzige richtige Auskunft zur richtigen Stunde.

16 Und Pharao nannte ihn Zaphenat-Paneach und gab ihm Asnath zum Weibe, die Tochter Potipheras, des Priesters zu On. Man gab ihm einen neuen Namen und eine Priesterfamilie dazu. Wer aufsteigen soll, wird zuerst umbenannt und dann verheiratet.

17 Und Josef war dreißig Jahre alt, da er vor Pharao stand. Und das Land trug in den sieben reichen Jahren die Fülle, und er sammelte alle Speise der sieben Jahre und tat sie in die Städte, in eine jegliche die Speise des Feldes, das um sie her lag.

18 Und er häufte das Getreide auf wie Sand am Meer, so viel, dass er aufhörte zu zählen; denn es war nicht zu zählen. Es war das erste Lager der Welt, dessen Inhalt niemand mehr kannte, und der Mann, der es angelegt hatte, war der Einzige, der wusste, wozu.

19 Und ehe die teure Zeit kam, wurden Josef zwei Söhne geboren. Den ersten hieß er Manasse und sprach: Gott hat mich vergessen lassen all mein Unglück und meines Vaters Haus. Er dankte ausdrücklich dafür, seine Familie vergessen zu haben, und gab dem Dank die Gestalt eines Kindes.

20 Den andern hieß er Efraim und sprach: Gott hat mich wachsen lassen in dem Lande meines Elends. So hießen die beiden Söhne Vergessen und Wachstum. Es sind bis heute die beiden Bedingungen, unter denen ein Aufstieg gelingt.

21 Da nun die sieben reichen Jahre um waren, kam der Hunger in alle Länder, aber in ganz Ägyptenland war Brot. Und das Volk schrie zu Pharao, und Pharao sprach: Geht hin zu Josef; was er euch sagt, das tut. Da tat Josef alle Kornhäuser auf und verkaufte den Ägyptern. Verkaufte. Es ist das entscheidende Wort dieses Buches, und es steht so unauffällig da, dass man es seit dreitausend Jahren überliest.