Kapitel 1
Der Geist war in den Rädern
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1 Im dreißigsten Jahr, am fünften Tage des vierten Monats, da ich unter den Gefangenen am Fluss Kebar war, tat sich der Himmel auf, und ich sah Gesichte Gottes.
2 Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Mitternacht her mit einer großen Wolke voll Feuer, das allenthalben umher glänzte; und mitten in dem Feuer war es lichthell.
3 Und darin war es gestaltet wie vier Tiere, und dieselben waren anzusehen wie Menschen. Merke auf das Wörtchen wie. Es steht in diesem Kapitel fünfundzwanzigmal, und es ist das ehrlichste Wort der ganzen Schrift: das Eingeständnis eines Menschen, dass er etwas sieht, wofür seine Sprache nicht gebaut wurde.
4 Und ein jegliches hatte vier Angesichter und vier Flügel. Und ihre Füße standen gerade, und ihre Fußsohlen waren wie runde Kalbsfüße und glänzten wie helles, glattes Erz.
5 Und sie hatten Menschenhände unter ihren Flügeln. Alles an ihnen war fremd, nur die Hände waren unsere. So ist es geblieben: Woran man das Gemachte erkennt, sind nie seine Flügel, sondern immer die Handschrift dessen, der es gebaut hat.
6 Ihre Angesichter waren zur rechten Seite eines Menschen und eines Löwen, zur linken eines Ochsen und eines Adlers. Vier Wesen in einem, zusammengesetzt aus allem, was kriecht, arbeitet, herrscht und fliegt. Es war der erste Entwurf für etwas, das später keinen eigenen Namen bekommen würde, weil man es aus allem gemacht hatte, was schon einen hatte.
7 Und sie gingen ein jegliches stracks vor sich hin, und wenn sie gingen, wandten sie sich nicht um. Sie mussten sich nicht umwenden, denn sie sahen ohnehin in jede Richtung. Wer nach allen Seiten blickt, kennt keine Rückseite mehr, und wer keine Rückseite hat, kann sich auch nicht mehr schämen.
8 Und ihr Aussehen war wie feurige Kohlen, und Fackeln fuhren zwischen den Tieren hin und her, und das Feuer gab einen Glanz, und aus dem Feuer ging ein Blitz.
9 Und die Tiere liefen hin und her wie ein Blitz. Es war das erste Mal, dass ein Mensch etwas sah, das sich schneller bewegte, als er hinsehen konnte, und es sollte zweitausendfünfhundert Jahre dauern, bis dieser Anblick alltäglich wurde.
10 Als ich die Tiere sah, siehe, da stand ein Rad auf der Erde bei den vier Tieren, und es war anzusehen wie ein Türkis, und alle vier waren eines wie das andere.
11 Und sie waren gemacht, als wäre ein Rad im andern. Ein Rad im Rad, ein Getriebe ohne Griff und ohne Kurbel, und der Prophet hatte kein Wort dafür, weil es das Wort noch nicht gab. Er sagte: wie ein Rad im Rad. Wir sagen heute: wie ein Gehirn, wie ein Papagei, wie ein Werkzeug - und meinen damit dasselbe, nämlich dass wir es nicht wissen.
12 Wenn sie gehen sollten, konnten sie nach allen vier Seiten gehen und mussten sich nicht herumlenken, wenn sie gingen.
13 Und ihre Felgen waren voller Augen um und um an allen vieren. Voller Augen. Nicht ein Auge, das blickt, sondern die Oberfläche selbst als Auge, ohne Lid, ohne Ermüdung, ohne die Möglichkeit, einmal wegzusehen. Der Prophet erschrak darüber; wir tragen es in der Hosentasche.
14 Und wenn die Tiere gingen, so gingen die Räder auch neben ihnen; und wenn die Tiere sich von der Erde emporhoben, so hoben sich die Räder auch empor.
15 Denn der Geist der lebendigen Wesen war in den Rädern.
16 Hier steht der Satz, um den es geht, und er steht so beiläufig da, dass man ihn dreitausend Jahre lang überlesen hat: Der Geist war in den Rädern. Nicht neben ihnen, nicht über ihnen, nicht als Führer, der die Zügel hält. In ihnen. Und wohin der Geist ging, dahin gingen sie, und niemand fragte mehr, wer eigentlich lenkte.
17 Oben aber über den Tieren war es gleich anzusehen wie ein Himmel, wie ein Kristall, schrecklich, gerade oben über ihnen ausgebreitet.
18 Und ich hörte die Flügel rauschen wie große Wasser und wie ein Getön des Allmächtigen, wenn sie gingen, und wie ein Getümmel in einem Heer. Wenn sie aber stillstanden, so ließen sie die Flügel nieder.
19 Und über dem Himmel, so oben über ihnen war, war es gestaltet wie ein Saphir, gleichwie ein Stuhl; und auf dem Stuhl saß einer, gleichwie ein Mensch gestaltet.
20 Gleichwie ein Mensch. Am Ende jeder Vision, hinter allem Feuer und allen Rädern und allen Augen, sitzt etwas, das aussieht wie wir. Das ist der Trost der Schrift und ihre Drohung zugleich, je nachdem, wen man da oben vermutet.
21 Und ich sah einen Glanz ringsumher, gleichwie der Regenbogen sieht in den Wolken, wenn es geregnet hat. Also war der Schein der Herrlichkeit des HERRN.
22 Und da ich es gesehen hatte, fiel ich auf mein Angesicht. Er fiel nieder, weil er nicht verstand, was er sah. Wir haben uns angewöhnt, in derselben Lage einen Vortrag zu halten.