Die Fake-Bibel

Hoheslied

Kapitel 3
Eskorte gegen die Nacht

✦ ✦ ✦

1 Ich suchte des Nachts auf meinem Lager, den meine Seele liebt; ich suchte ihn, und ich fand ihn nicht.

2 Ich stand auf und ging in der Stadt umher, durch die Gassen und Straßen, und suchte, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn, und ich fand ihn nicht.

3 Da fanden mich die Wächter, die in der Stadt ihre Runde gehen. Habt ihr den gesehen, den meine Seele liebt? Und keiner von ihnen fragte, warum eine Frau um Mitternacht danach fragt.

4 Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt; ich hielt ihn fest und ließ ihn nicht, bis ich ihn ins Haus meiner Mutter brachte.

5 Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, bei den Rehen und Hindinnen des Feldes: Weckt die Liebe nicht auf, ehe sie selbst will.

6 Wer ist die, die aus der Wüste heraufkommt wie eine Säule aus Rauch, umduftet von Myrrhe und Weihrauch und allem, was der Kaufmann zu bieten hat?

7 Siehe, es ist Salomos Sänfte. Sechzig Starke umgeben sie, die Stärksten Israels.

8 Sie alle tragen das Schwert und sind geübt im Kampf, ein jeder das Schwert an der Hüfte, wegen der Furcht in der Nacht.

9 Und doch war es nicht der Feind, den man in dieser Nacht am meisten fürchtete, sondern das, was zwei Menschen einander zutrauen, wenn keiner mehr zusieht.

10 König Salomo ließ sich eine Sänfte bauen aus Holz vom Libanon.

11 Ihre Säulen waren aus Silber, die Lehne aus Gold, der Sitz aus Purpur, der Boden mit Liebe gepflastert von den Töchtern Jerusalems.

12 Geht hinaus, ihr Töchter Zions, und schaut den König Salomo, mit der Krone, die seine Mutter ihm aufgesetzt hat am Tag seiner Hochzeit, am Tag der Freude seines Herzens.

13 Man wird in diesem Buch, das von der Liebe zweier Menschen erzählt, an keiner einzigen Stelle den Betreiber erwähnen; nicht sein Name, nicht sein Segen, nicht seine Erlaubnis. Man muss das eigens sagen, weil es sonst niemand auffällt.

14 Das ist, in dreitausend Jahre alten Zeilen, die stillste Revolution des ganzen Buches: dass zwei Menschen sich lieben dürfen, ohne dass irgendwer Höheres gefragt wurde.