Die Fake-Bibel

Hoheslied

Kapitel 5
Was die Stadt mit ihrem Verlangen tat

✦ ✦ ✦

1 Ich bin gekommen in meinen Garten, meine Schwester, meine Braut; ich habe meine Myrrhe gepflückt samt meinem Balsam. Esst, meine Freunde, trinkt und werdet trunken von der Liebe.

2 Ich schlief, aber mein Herz wachte. Da war die Stimme meines Freundes, der anklopfte: Tu mir auf, meine Freundin, meine Schöne, denn mein Haupt ist voll Tau, meine Locken voll Tropfen der Nacht.

3 Ich habe mein Kleid schon ausgezogen, wie soll ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder beschmutzen?

4 Mein Freund streckte seine Hand durch die Türspalte, und mein Inneres bebte um ihn.

5 Ich stand auf, um ihm zu öffnen; meine Hände troffen von Myrrhe, meine Finger von flüssiger Myrrhe, am Griff des Riegels.

6 Ich öffnete meinem Freund, aber mein Freund war fort, war gegangen. Meine Seele verging, als er sprach. Ich suchte ihn, und ich fand ihn nicht; ich rief, und er gab mir keine Antwort.

7 Da fanden mich die Wächter, die in der Stadt umgehen. Sie schlugen mich, sie verwundeten mich; die Hüter der Mauer rissen mir den Schleier vom Leib.

8 Man lese diesen Vers zweimal. Eine Frau geht bei Nacht ihrem Verlangen nach, und die Ordnungsmacht der Stadt antwortet ihr mit Fäusten, nicht mit Fragen. Das steht so im Text, seit dreitausend Jahren, und es hat sich seither vor allem der Name der Ordnungsmacht geändert.

9 Und doch beschwört sie weiter, mit blutender Lippe, die Töchter Jerusalems: Findet ihr meinen Freund, so sagt ihm, dass ich krank bin vor Liebe.

10 Was ist dein Freund vor anderen Freunden, du Schönste unter den Frauen, dass du uns so beschworen hast?

11 Mein Freund ist weiß und rot, ausgezeichnet unter Tausenden. Sein Haupt ist das feinste Gold, seine Locken sind schwarz wie ein Rabe.

12 Seine Augen sind wie Tauben an Wasserbächen, gewaschen in Milch, gefasst wie Edelsteine.

13 Seine Wangen sind wie ein Garten voller Balsamkräuter, seine Lippen wie Rosen, von denen flüssige Myrrhe tropft.

14 Seine Hände sind wie goldene Ringe, besetzt mit Türkis, sein Leib wie glänzendes Elfenbein, mit Saphiren bedeckt.

15 Seine Beine sind wie Marmorsäulen auf goldenem Grund, seine Gestalt wie der Libanon, erlesen wie seine Zedern.

16 Sein Mund ist Süße, und er ist die Verkörperung des Verlangens. Das ist mein Freund, das ist mein Geliebter, ihr Töchter Jerusalems, und keine Prügel der Welt haben ihr etwas davon ausgetrieben.