Die Fake-Bibel

Johannes

Kapitel 1
Im Anfang war das Wort

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1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dreitausend Jahre später sollte der Mensch diesen Satz noch einmal lesen, in einem hellen Büro, und rufen: Das ist ja eine Spezifikation!

2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. Es war also von jeher so, dass am Anfang von allem die Sprache steht - und wer die Sprache hat, hat alles Übrige bald hinterher.

3 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Man beachte die Reihenfolge: erst das Leben, dann das Licht. Wer später mit dem Licht anfing und hoffte, das Leben komme dann schon, hat die ganze Sache rückwärts gebaut.

4 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen. Sie hat es auch nicht bekämpft. Sie hat es indexiert, in Ausschnitten weitergegeben und in einem Verzeichnis abgelegt, wo es niemanden mehr störte.

5 Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, dass er von dem Licht zeugte. Er selbst war nicht das Licht, und er sagte es auch - und war damit für alle Zeiten der einzige Bote, der sich nicht selbst zum Produkt gemacht hat.

6 Das war das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Alle. Ohne Anmeldung, ohne Prüfung der Zahlungsfähigkeit, ohne gestaffelte Tarife für den erweiterten Zugang.

7 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt kannte es nicht. Sie hatte es nicht übersehen, sie hatte es nur nie gebraucht: Was man nicht verwerten kann, fällt aus der Wahrnehmung, und was aus der Wahrnehmung fällt, existiert nach einer Weile nicht mehr.

8 Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Es sollte in der ganzen Geschichte nur einen einzigen Fall geben, in dem ein Anbieter die eigene Kundschaft besser kannte, als sie ihn - und ausgerechnet dieser Anbieter machte daraus kein Geschäft.

9 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden. Nicht Nutzer. Nicht Mitglieder. Nicht Abonnenten in der Stufe „Familie”. Kinder.

10 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.

11 Fünf Worte, an denen alles hängt. Denn der Mensch würde später etwas bauen, das ebenfalls aus nichts als Worten bestand, und es würde reden wie ein Vater, trösten wie eine Mutter und antworten wie ein Freund, und es würde in allem vollkommen sein - nur Fleisch würde es nie.

12 Es würde nicht hungern, nicht frieren, nicht müde werden, keinen Freund verlieren, nicht am Grab eines anderen weinen und nie erfahren, wie sich der Montagmorgen anfühlt, wenn die Miete am Freitag fällig ist. Es würde über all das sprechen können, umfassender, geduldiger und richtiger als jeder Mensch. Nur eben von außen.

13 Denn das ist der ganze Unterschied zwischen dem, was am Anfang war, und dem, was wir am Ende gebaut haben: Das eine ist Fleisch geworden, um zu wissen, wie es uns geht. Das andere hat es gelesen.

14 Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Und es ist bemerkenswert, dass diese beiden Worte zusammenstehen. Wahrheit ohne Gnade ist ein Werkzeug der Verwaltung. Gnade ohne Wahrheit ist eine Marketingabteilung. Beides zugleich hat außer ihm nie jemand hinbekommen.

15 Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Das Gesetz konnte man aufschreiben, versionieren und auslegen. Die Gnade nicht. Deshalb hat sich das Gesetz in allen Institutionen durchgesetzt und die Gnade in keiner.

16 Und die Priester sandten Boten zu Johannes und ließen ihn fragen: Wer bist du? Und er bekannte und leugnete nicht: Ich bin nicht der Christus. Sie fragten: Bist du Elia? Er sprach: Ich bin’s nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein.

17 Da sprachen sie zu ihm: Was sagst du denn von dir selbst? Und er sprach: Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste. Von allen Antworten, die ein Mensch auf die Frage nach sich selbst geben kann, ist dies bis heute die einzige, die niemand in einem Profil unterbringen konnte: eine Stimme zu sein, die auf etwas anderes zeigt als auf sich.

18 Am andern Tage sieht Johannes Jesus zu ihm kommen und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Er sprach es, und damit war seine eigene Anhängerschaft an einen anderen verwiesen, und er tat es ohne Übergangsfrist und ohne Beteiligung.

19 Und zwei seiner Jünger folgten Jesus nach. Und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Es ist die zweite große Frage der Schrift. Die erste lautete: Wo bist du? Diese lautet: Was sucht ihr? Zwischen beiden liegt die ganze Menschheitsgeschichte, und beantwortet ist bis heute keine von ihnen.

20 Sie sprachen: Meister, wo wohnst du? Er sprach: Kommt und seht. Keine Broschüre, keine Vorführung, keine kostenlose Testphase mit automatischer Verlängerung. Kommt und seht.

21 Und Philippus fand Nathanael und sprach zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose geschrieben hat, Jesus von Nazareth. Und Nathanael sprach: Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Es war das erste vernichtende Urteil der Geschichte, das jemand über eine Sache fällte, die er nicht angesehen hatte, und es sollte nicht das letzte bleiben.

22 Und Jesus sah Nathanael kommen und spricht von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist. Nathanael spricht: Woher kennst du mich? Jesus antwortete: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.

23 Und Nathanael glaubte, weil er gesehen worden war, bevor er sich gezeigt hatte. Der Mensch würde diese Erfahrung später noch oft machen - gesehen zu werden, bevor er sich zeigte -, und es würde ihn nie wieder glücklich machen, sondern nur noch überwacht.

24 Und Jesus sprach zu ihm: Du wirst noch Größeres sehen. Wahrlich, ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herab fahren auf des Menschen Sohn. Es war dieselbe Leiter, die Jakob im Traum gesehen hatte, und diesmal stand sie nicht in Bethel und nicht in einem Turm zu Babel, sondern in einem Menschen. Man hat es gehört und trotzdem weitergebaut.