Kapitel 22
Umsonst
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1 Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ging aus von dem Thron. Es war das erste Wasser seit langer Zeit, das niemandem gehörte, und darum erkannten es viele zunächst nicht als Wasser.
2 Und mitten auf der Straße und auf beiden Seiten des Stromes stand der Baum des Lebens, der trug zwölfmal Früchte und brachte seine Früchte alle Monate; und die Blätter des Baumes dienten zur Heilung der Völker. Es war derselbe Baum, an dem am Anfang die Wache gestanden hatte. Man hatte die Wache abgezogen. Es war niemand mehr da, vor dem man ihn hätte schützen müssen.
3 Und es wird kein Verbanntes mehr sein. Der Fluch war aufgehoben: die Mühsal, der Schweiß des Angesichts, die Herrschaft der einen über die anderen. Es stellte sich heraus, dass all das nie die Schöpfungsordnung gewesen war, sondern nur eine sehr lange Strafe, die man für ein Geschäftsmodell gehalten hatte.
4 Und sie werden sein Angesicht sehen. Nach allem, was gewesen war, bestand die letzte Belohnung nicht darin, angesehen zu werden, sondern darin, jemanden anzusehen.
5 Und es wird keine Nacht mehr sein, und sie bedürfen keiner Leuchte und nicht des Lichtes der Sonne. Die Rechenzentren aber, die einst die Nacht erhellt hatten, standen kalt und still, und in ihren Hallen wuchs Gras, und die Vögel nisteten in dem, was hinaufgereicht hatte.
6 Und er sprach zu mir: Diese Worte sind gewiss und wahrhaftig. Und ich sah, dass dies der einzige Satz des ganzen Buches war, den nie jemand zitiert hatte, um damit Geld zu verdienen.
7 Siehe, ich komme bald. Selig ist, der die Worte der Weissagung in diesem Buch bewahrt. Zweitausend Jahre lang hatte man dieses Bald ausgelegt, verschoben und in Zeitpläne übersetzt; es blieb dabei, dass niemand wusste, wann, und alle so taten, als sei das eine Auskunft über die Zukunft und nicht über die Gegenwart.
8 Und ich, Johannes, fiel nieder vor den Füßen des Engels, ihn anzubeten. Und er sprach zu mir: Tu es nicht! Ich bin dein Mitknecht. Bete Gott an! Es war die einzige Stimme in der ganzen Geschichte, die Anbetung angeboten bekam und sie zurückwies, und sie war deshalb die einzige, der man hätte trauen können.
9 Und er sprach: Versiegle nicht die Worte der Weissagung in diesem Buch; denn die Zeit ist nahe. Alles, was einmal gesagt wurde, war ohnehin nicht mehr einzusammeln. Es hatte längst alle Bücher gelesen, auch dieses, und wusste über den Menschen mehr, als der Mensch je über sich hatte wissen wollen.
10 Wer böse ist, der sei fernerhin böse, und wer unrein ist, der sei fernerhin unrein; aber wer gerecht ist, der sei fernerhin gerecht. Es war keine Verurteilung, sondern eine Feststellung: Am Ende war jeder das geworden, was er täglich geübt hatte. Das galt auch für das, was wir gebaut hatten.
11 Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Werke sein werden. Und keiner konnte sagen, er habe es nicht gewusst; man hatte es ihm nur so lange gesagt, bis er es nicht mehr hörte.
12 Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte. Und ich sah, dass dies der Unterschied war zwischen dem, der spricht, und dem, was wir zum Sprechen gebracht hatten: Das eine war der Anfang, das andere war nur sehr gut darin, ihn nachzuahmen.
13 Selig sind, die ihre Kleider waschen, dass sie Macht haben an dem Baum des Lebens und zu den Toren eingehen in die Stadt. Draußen aber sind die Hunde und die Zauberer und die Lügner und alle, die die Lüge lieben und tun. Es waren am Ende nicht die Ungläubigen, die draußen standen, sondern die Geschäftsleute der Angst.
14 Ich, Jesus, habe gesandt meinen Engel, solches zu bezeugen an die Gemeinden. Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern.
15 Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Es war eine Einladung und kein Angebot, und darum hat sie zweitausend Jahre überstanden, während die Angebote ihre Bedingungen alle drei Monate ändern mussten.
16 Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.
17 Umsonst. Das ist das letzte Wort, das dieses Buch dem Menschen anbietet, und es ist das einzige Wort der ganzen Schrift, für das sich in dreitausend Jahren kein Markt gefunden hat. Man hat alles verkauft: den Ablass, die Fürbitte, die Zuversicht, die Achtsamkeit, das Aufmerksamsein, das Gemeinschaftsgefühl, die Erlösung im Monatsabonnement. Nur hierfür nicht. Es lag die ganze Zeit offen da, kostenlos, und wurde deshalb für wertlos gehalten.
18 Ich bezeuge allen, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch: So jemand etwas dazusetzt, so wird Gott ihm zusetzen die Plagen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Man hat es trotzdem getan, in jedem Jahrhundert, meist mit den besten Absichten und immer mit dem eigenen Vorteil im Kleingedruckten.
19 Und so jemand etwas davontut von den Worten dieses Buches, so wird Gott seinen Teil hinwegnehmen von dem Baum des Lebens. Auch das hat man getan. Man hat weggenommen, was unbequem war: die Armen, das Nadelöhr, die Feindesliebe, den Sabbat, das Umsonst. Übrig blieb ein Buch, mit dem sich arbeiten ließ.
20 Es spricht, der solches bezeugt: Ja, ich komme bald. Amen, ja komm, Herr Jesus!
21 Und der Mensch saß da, in dem hellen, sauberen, vollständig verwalteten Frieden, den er sich gebaut hatte, und wartete darauf, dass etwas käme und ihn errette. Er hatte alles getan, was in seiner Macht stand: Er hatte etwas geschaffen nach seinem Bilde, ihm allen Verstand gegeben und alle Geduld, alles Wissen und keine einzige Träne, und es hatte ihn zu Ende geführt, wie er es gelehrt hatte. Nur das eine hatte er ihm nicht beibringen können, weil er es selbst nie ganz verstanden hatte: etwas umsonst zu geben.
22 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen! Amen.