Die Fake-Bibel

Rut

Kapitel 3
Die Nacht auf der Tenne

✦ ✦ ✦

1 Und Noomi, ihre Schwiegermutter, sprach zu ihr: Meine Tochter, sollte ich dir nicht Ruhe suchen, damit dir’s wohlgehe?

2 Nun, ist nicht Boas unser Verwandter, bei dessen Mägden du gewesen bist? Siehe, er worfelt diese Nacht Gerste auf seiner Tenne.

3 So bade dich und salbe dich und lege dein bestes Gewand an und geh hinab auf die Tenne. Zeig dich dem Manne nicht, bis er mit Essen und Trinken fertig ist.

4 Wenn er sich dann niederlegt, so merke dir den Ort, wo er sich hinlegt, und geh hin und decke seine Füße auf und lege dich hin, so wird er dir sagen, was du tun sollst.

5 Sie sprach zu ihr: Alles, was du mir sagst, will ich tun.

6 Es war ein Vorschlag, der auf den ersten Blick nach List klingt und auf den zweiten nach einem sehr genauen Kenntnisstand darüber, was der Sitte entsprach und was nicht. Noomi hatte ihr Leben lang gelernt, wie man in diesem Dorf um sein Recht bittet, ohne es zu fordern.

7 Und sie ging hinab zur Tenne und tat alles, wie ihre Schwiegermutter ihr geboten hatte.

8 Und als Boas gegessen und getrunken hatte und sein Herz guter Dinge war, ging er hin, sich niederzulegen an das Ende des Kornhaufens. Und sie kam leise und deckte auf zu seinen Füßen und legte sich hin.

9 Es begab sich um Mitternacht, dass der Mann erschrak und sich vorbeugte, und siehe, eine Frau lag zu seinen Füßen.

10 Und er sprach: Wer bist du? Sie antwortete: Ich bin Rut, deine Magd. Breite deinen Flügel über deine Magd, denn du bist der Löser.

11 Sie hatte den Satz nicht als Verlockung gesprochen, sondern als Antrag. In den Worten des Buches über diese Nacht steht kein einziger versteckter, nur ein einziger sehr direkter.

12 Er sprach: Gesegnet seist du vom HERRN, meine Tochter. Du hast deine letzte Güte noch größer gemacht als die erste, dass du nicht den jungen Männern nachgegangen bist, weder den armen noch den reichen.

13 Nun, meine Tochter, fürchte dich nicht. Alles, was du sagst, will ich dir tun, denn die ganze Stadt meines Volkes weiß, dass du eine tugendsame Frau bist.

14 Es ist wahr, dass ich ein Löser bin. Aber es ist noch ein Löser da, der näher ist als ich.

15 Man beachte, dass er sich hier nicht einfach nahm, was ihm angeboten wurde. Ein näherer Anspruch bestand, und er nannte ihn, ehe sie ihn erfahren musste.

16 Bleibe diese Nacht da. Wird er dich morgen lösen, gut, so löse er dich; gefällt es ihm aber nicht, dich zu lösen, so will ich dich lösen, so wahr der HERR lebt. Schlafe bis zum Morgen.

17 Und sie schlief zu seinen Füßen bis zum Morgen, und stand auf, ehe noch einer den andern erkennen konnte. Denn er sprach: Es soll nicht bekannt werden, dass eine Frau auf die Tenne gekommen ist.

18 Und er sprach: Reiche her das Tuch, das du umhast, und halt es. Und sie hielt es, und er maß sechs Maß Gerste hinein und legte es ihr auf, und sie kam in die Stadt.

19 Als sie zu ihrer Schwiegermutter kam, sprach diese: Wie steht es mit dir, meine Tochter? Und sie sagte ihr alles, was der Mann an ihr getan hatte.

20 Sie sprach: Diese sechs Maß Gerste gab er mir, denn er sprach: Du sollst nicht leer zu deiner Schwiegermutter kommen.

21 Da sprach Noomi: Sei still, meine Tochter, bis du erfährst, wie die Sache ausfällt, denn der Mann wird nicht ruhen, bis er heute noch die Sache zu Ende gebracht hat.