Kapitel 15
Die Halbwertszeit der Dankbarkeit
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1 Da sangen Mose und die Kinder Israel dies Lied dem HERRN: Ich will dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.
2 Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen; er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben.
3 Der HERR ist der rechte Kriegsmann. Es ist der Vers, den man später am liebsten hatte, wenn man selbst gerade auszog.
4 Deine rechte Hand hat den Feind zerschlagen; sie sanken unter wie Blei im mächtigen Wasser. Das Lied ist lang, kunstvoll und wurde sorgfältig aufgeschrieben. Es ist die erste Siegesmeldung der Weltliteratur, und sie hat die Form bis heute behalten: Man besingt, was geschehen ist, und nicht, wen es getroffen hat.
5 Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen.
6 Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt. Das Lied der Männer füllt achtzehn Verse, das der Mirjam einen. Es ist derselbe Text. Wer die Pauke schlägt und wer aufgeschrieben wird, war damit für die nächsten dreitausend Jahre geregelt.
7 Und Mose ließ die Kinder Israel ziehen vom Schilfmeer hinaus zur Wüste Schur, und sie wanderten drei Tage in der Wüste und fanden kein Wasser.
8 Drei Tage. Wer je hat wissen wollen, wie lange Dankbarkeit hält, findet hier die Messung, auf den Tag genau. Vorwerfen kann man es dem Volk nicht: Der Durst hat kein Gedächtnis.
9 Da kamen sie nach Mara; aber sie konnten das Wasser nicht trinken, denn es war sehr bitter. Daher hieß man den Ort Mara, das ist Bitterkeit.
10 Da murrte das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken? Gemurrt wurde gegen Mose. Nicht gegen den, der das Meer geteilt hatte, sondern gegen den, der in Reichweite stand. Der Unmut wendet sich stets an den Erreichbaren, und deshalb steht der Verantwortliche fast nie dort, wo geschrien wird.
11 Und er schrie zu dem HERRN, und der HERR zeigte ihm einen Baum; den warf er ins Wasser, da ward es süß.
12 Daselbst stellte er ihnen Gesetz und Recht und sprach: Wirst du der Stimme des HERRN gehorchen und halten seine Gebote, so will ich keine der Krankheiten auf dich legen, die ich auf Ägypten gelegt habe; denn ich bin der HERR, dein Arzt. Zuerst das Wasser, dann die Bedingungen. Man reicht dem Durstigen den Becher und legt ihm, während er trinkt, ein Blatt hin.
13 Und sie kamen nach Elim, da waren zwölf Wasserbrunnen und siebzig Palmen; und sie lagerten sich daselbst ans Wasser.
14 Wie lange sie in Elim geblieben sind, sagt der Text nicht. Über zufriedene Menschen ist noch nie ein Bericht verfasst worden, und daran erkennt man, wie wenig unsere ganze Geschichtsschreibung vom Glück weiß.