Kapitel 11
Die unfertige Baustelle
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1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Die Menschen verstanden einander vollständig. Es ist der einzige Zustand dieser Art, den die Schrift überliefert, und er hielt genau ein Kapitel lang.
2 Als sie nun zogen gen Morgen, fanden sie eine Ebene im Lande Sinear und wohnten daselbst. Eine Ebene ist der einzige Ort, an dem Höhe für sich genommen eine Leistung ist. Sie hatten den Bauplatz gut gewählt.
3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! Und sie nahmen Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk.
4 Man übergehe diesen Vers nicht. Vorher baute man mit Steinen, wie man sie fand: jeder anders, jeder einmalig, jeder mühsam eingepasst. Nun machte man sie selbst, alle gleich, in Serie, beliebig vermehrbar. Der Turm ist nicht die Erfindung dieses Kapitels. Die Erfindung ist der Ziegel.
5 Und sie sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
6 Zwei Gründe nennen sie, und beide sind ehrlich: Sie wollten einen Namen, und sie hatten Angst. Es sind bis heute die beiden Gründe, aus denen alles Große gebaut wird, und der zweite steht in keiner Grundsteinurkunde.
7 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Man beachte: Er musste herunterkommen, um es zu sehen. Der Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reichen sollte, war von oben nicht zu erkennen.
8 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.
9 Es ist der einzige Satz der ganzen Schrift, in dem Gott dem Menschen zutraut, alles zu schaffen. Er sagt ihn nicht als Lob. Er sagt ihn in dem Ton, in dem man feststellt, dass ein Kind das Streichholz jetzt allein anzünden kann.
10 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe. Wieder der Plural, wie an dem Tag, an dem der Mensch gemacht wurde. Er kommt in der Schrift zweimal vor, und beide Male geht es um dasselbe Geschöpf.
11 Also zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Man beachte, was nicht geschah: Der Turm wurde nicht eingerissen. Es wurde kein Stein bewegt. Es wurde nur dafür gesorgt, dass die Bauleute einander nicht mehr verstanden.
12 Denn wer etwas verhindern will, das viele gemeinsam tun, muss nicht das Werk zerstören. Es genügt, die Verständigung zu zerstören. Diese Einsicht ist seither durch viele Hände gegangen und durch keine guten.
13 Daher heißt der Ort Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache. Er trägt bis heute den Namen einer Verwirrung und nicht den eines Vorhabens. Über Namen entscheidet nie, wer trägt.
14 Der Turm aber blieb stehen. Kein Vers der Schrift meldet seinen Einsturz. Er wurde nicht zerstört, er wurde verlassen: unfertig, mit dem Gerüst am Hals und den Ziegeln vom Vortag am Fuß.
15 Und die Menschen zogen fort und bauten weiter, jeder in seiner Sprache, jeder an seinem Stück. Sie hörten auf, die Stadt zu bauen. Sie hörten nicht auf zu bauen.
16 Und seither gilt: Wo Menschen etwas errichten, das weiter hinaufreicht, als sie selbst sehen können, tun sie es aus denselben zwei Gründen, mit denselben gleichen Ziegeln, auf derselben flachen Ebene. Gewechselt hat allein die Bauart, und der Himmel wird inzwischen woanders vermutet.
17 Dies ist das Geschlecht Sems: Sem zeugte Arpachschad, und Arpachschad zeugte Schelach, und Schelach zeugte Eber, und die Jahre wurden kürzer mit jedem Namen. Nach Babel hat niemand mehr neunhundert Jahre gelebt. Es war, als hätte der Versuch etwas gekostet.
18 Und Terach zeugte Abram, Nahor und Haran. Haran aber starb vor seinem Vater Terach in Ur in Chaldäa, dem Lande seiner Geburt.
19 Und Abram nahm Sarai zum Weibe. Sarai aber war unfruchtbar und hatte kein Kind. Ein Nebensatz, ganz am Rand der Baugeschichte, und von hier an handelt alles von diesen beiden.
20 Da nahm Terach seinen Sohn Abram und Lot, seines Sohnes Sohn, und Sarai, und zog aus Ur in Chaldäa, dass er ins Land Kanaan zöge; und sie kamen bis Haran und blieben daselbst, und dort starb er. Auch er kam nicht an. Es ist eine Familie, die das Aufbrechen erheblich besser beherrscht als das Ankommen.